{"id":33,"date":"2026-08-20T15:02:39","date_gmt":"2026-08-20T13:02:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carolynamann.at\/?p=33"},"modified":"2026-08-28T14:23:59","modified_gmt":"2026-08-28T12:23:59","slug":"die-fischer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carolynamann.at\/?p=33","title":{"rendered":"Die Fischer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <em>Die Lichtungen. Zeitschrift f\u00fcr Literatur, Kunst und Zeitkritik.<\/em>\u00a0Hg: Brunner, Helwig\/ Jaroschka, Markus\/(\u2026) Heft 142\/2015. Graz: 2015.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war etwas nach September, die Luft war durch die Feuchtigkeit erstarrt. Der Wind hatte das Nass so kr\u00e4ftig gegen die Felsen geschmettert, dass es durch den Aufprall in feine Molek\u00fcle zersprungen war, die nun durch die K\u00e4lte schwerelos im Raum hingen und durch die W\u00e4rme meiner Haut geronnen. Das Salz bildete auf den Steinen des Hafens bereits eine Karstlandschaft, die an vereiste W\u00fcsten erinnerte. Bei jedem Schritt knirschte es, wenn ich eine solche Kristallinwelt zerbrach. Da mein Hirn den Anblick stetig mit dem Bild von Schnee gleichsetzte, war ich darauf gefasst zu rutschen. Trotz besseren Wissens wollte die Gewohnheit nicht aus meinem Kopf und so schlich ich vorsichtig \u00fcber den Kai. Der Duft von Fisch war schon so lange an diesem Ort eingesessen, man konnte ihn trotz der K\u00e4lte noch riechen. Ein griechischer Touristenort, gottverlassen, jetzt, da die Saison vorbei&nbsp;war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stimmt, dass die Menschen am Meer durch das Meer gezeichnet werden. Ich blicke mich um und sehe tiefe, gefurchte Gesichter, genauso rau wie das Wetter heute Vormittag. Mir und auch ihnen ist klar, dass ich der einzige Tourist hier bin. Es ist noch etwas unangenehm, den zuwider neugierigen Blicken stand zu halten, doch nichts im Vergleich zu dem&nbsp;Schauder, der mich \u00fcberkam&nbsp;als ich heute mein Quartier bezog.&nbsp;&nbsp;Ich hatte vor meiner Ankunft kein Zimmer reserviert, sondern war, nachdem ich den Busbahnhof verlassen hatte, einfach in die Stadt spaziert und hatte Ausschau nach einem ge\u00f6ffneten Hotel gehalten. Meine Wahl fiel auf ein Haus mit angeschlossener Ferienhausanlage, ein Feriendorf. Doch nicht, wie von mir angenommen, wurde mir ein Zimmer im Haupthaus angeboten, sondern ich wurde von einem jungen Griechen zu einem Apartment inmitten dieses nicht bewohnten Dorfes gebracht.&nbsp;&nbsp;Er f\u00fchrte mich zwischen den Bl\u00f6cken hindurch, die aus jeweils drei miteinander verbundenen Fertigh\u00e4uschen bestanden. Sprachlos folgte ich ihm. Die reihenlangen, schlecht gewei\u00dfelten H\u00e4uschen, die sich in ihrer Vielzahl zu einem immens gro\u00dfen Geb\u00e4udekomplex zusammenschlossen, wirkten auf mich wie ein futuristisches Straflager in einer nicht allzu fernen Zukunft. Der Pfad war h\u00f6chsten einen Meter breit und an den Seiten von einem handbreiten Grasstreifen ges\u00e4umt. Au\u00dfer diesem Streifen war alles betoniert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bar, in der ich jetzt sa\u00df, war augenscheinlich der einzige Ort, an dem sich Menschen aufhielten. Auf dem Weg hierher hatte ich einige Lokale und Buden passiert, die nur zur Sommersaison ge\u00f6ffnet hatten und nun mit Brettern und Gittern verbarrikadiert waren. In den Gassen war mir niemand begegnet und da au\u00dfer dem Wind nichts zu h\u00f6ren war, vernahm ich das Dr\u00f6hnen aus der Bar schon von weitem. Ich kippte den roten Hauswein eilig hinunter und wartete darauf, dass seine Wirkung den Frost und das Unwohlsein \u00fcberdeckte. Die Frage nach dem Grund, warum ich hier war, wagte ich mir kaum zu stellen und bei jedem Anflug eines Sinnierens dar\u00fcber riss ich mich zusammen. Breitbeinig und nach hinten gelehnt, versuchte ich auf der kleinen Holzbank sicher zu wirken. Ich war trotz dessen kurz den Tr\u00e4nen nahe, als der Kellner die Zwei-Liter-Rotwein Bottel unaufgefordert in einem Flechtkorb vor mich auf den Tisch stellte. Er zog sich einen Stuhl heran und schenkte ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir stie\u00dfen die Gl\u00e4ser zusammen und tranken schweigend. Drau\u00dfen war es bereits dunkel geworden und ich dachte kurz daran, dass ich den Weg zur\u00fcck zum Hotel wohl nicht mehr finden w\u00fcrde. Es war mir gleich. Ich konnte mir ohnehin nicht vorstellen, in dieses entmenschlichte Betonquartier zur\u00fcck zu kehren. Der Kellner z\u00fcndete sich eine Zigarette an und nickte mir wissend zu, wobei mir unklar war, auf was er sich bezog. Ich trank noch einen weiteren Schluck und nickte ebenfalls.&nbsp;\u00dcber der Bar war eine Neonr\u00f6hre angebracht, die kaltblau flackerte. Ihr Licht vermengte sich mit dem der Gl\u00fchlampen \u00fcber den Tischen. In langgezogenen Wellen verlief der \u00dcbergang vom kalten ins warme Licht durch den Raum. An der Bar stand eine Gruppe Fischer beisammen, die, ebenso eilig wie ich, Schnapsgl\u00e4ser leerten. Sie waren darin aber durchaus erfolgreicher, denn das gebrannte Zeugs hatte bereits ihre Glieder mit W\u00e4rme gef\u00fcllt, sodass ihre Gesichter vor Hitze gl\u00fchten. Die Stimmen l\u00e4rmten durch den Raum und dahinter waren im Dunst der Zigaretten Bilder von Schiffen im Sturm zu sehen. Ich unterhielt mich mit dem Kellner mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. Ich fragte ihn nach den Fischern und bald war klar, dass jeder, der kein Hotel besa\u00df, einer war. Er gestikulierte ausladend, sodass der&nbsp;rote Wein aus seinem Glas schwappte.&nbsp;Unbeirrt wischte er sich seine Finger an der Sch\u00fcrze sauber. Ich sagte ihm, dass ich gern mitfahren w\u00fcrde, mit den Fischern hinaus aufs Meer. Er fragte mich, ob ich fische. Nein, deutete ich, bisher noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-77\" srcset=\"https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/www.carolynamann.at\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/DSC03860klein.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Die Lichtungen. 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