{"id":35,"date":"2026-08-20T15:04:25","date_gmt":"2026-08-20T13:04:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.carolynamann.at\/?p=35"},"modified":"2026-08-26T21:53:08","modified_gmt":"2026-08-26T19:53:08","slug":"neu_amerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.carolynamann.at\/?p=35","title":{"rendered":"Neu Amerika"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(Romanauszug<\/strong><strong>)&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BKA Startstipendium Literatur 2020\/ Stipendium d. Vorarlberger Literaturpreis 2019<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Der Himmel ist tiefblau. Soweit man sehen kann, erblickt man keine Menschenseele. Nur Landschaft. Meine Schuhe versinken im Dreck. Der Acker ist von einem Kanal umz\u00e4unt, einem Rinnsal, das weder flie\u00dft noch steht. Eher suppt es. Man kann das Wasser durch die Gr\u00e4ser kaum erkennen und sieht erst, wenn man drinnen steht, wie tief der Morast ist. So waten wir durch den Wiesenkanal hin\u00fcber zum Acker, der brach vor uns liegt und durch grobk\u00f6rnige Erdst\u00fccke eine unwirkliche Mondlandschaft bildet. Dunkelbraun, feucht und fest. Es ist ungew\u00f6hnlich warm f\u00fcr diese Jahreszeit. Die Sonne hat trotz fortgeschrittenem Herbst noch Kraft und bescheint unbeirrt den Acker. Knapp \u00fcber der offen liegenden Erde wimmelt es vor Insekten. Es scheint, als h\u00e4tten alle Fl\u00fcgel bekommen, jeder K\u00e4fer, jede Made. Alles schwirrt den klirrenden Novembertagen entgegen, aus Hoffnung just hier noch ein neues Leben zu beginnen. Die Erde bekommt dadurch etwas Fauliges. Sp\u00e4ter wird die K\u00e4lte sie alle t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Wo ist die Grenze? Ich habe bereits mehrmals gesagt, dass ich m\u00fcde bin, nicht schritthalten kann. Mir surrt der Kopf vom ganzen Ungeziefer. Sie fliegen mir immerzu ins Gesicht. Hauchd\u00fcnne Fliegen, die man fast einatmet, und schwere Brocken, die aufprallen wie Luftdruckgeschosse. Meine F\u00fc\u00dfe sind l\u00e4ngst nass und meine Schuhe bereits vollgesogen. Wenn man nicht aufpasst, rutscht man von den Grasinseln in den Matsch ab. Du bist ein paar Meter vor mir, gibst die Richtung an. Du redest immerzu, doch ich kann dich nicht verstehen, du bist zu weit weg. Ich muss weitergehen. Hinsetzen geht hier nicht. Alles ist nass. Du hast dich umgedreht und ruderst mit den Armen, rufst nach mir. Meine Geduld ist nun am Ende. Die Sonne blendet und ich schwitze. Jeder Meter wird durch die vollgesogenen Schuhe m\u00fchsamer. Mit meinem n\u00e4chsten Schritt rutsche ich ab. Ich gehe in die Knie, st\u00fctze meinen Fall mit meinen H\u00e4nden. Meine Finger tauchen zwischen den Gr\u00e4sern ab. Sie sinken ein in weiche, losgel\u00f6ste Erde. Mein Kinn wird nass.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Wo die Grenze ist, habe ich dich gefragt. Du hast daraufhin etwas von angrenzender Wiese, die keinesfalls nass ist, erz\u00e4hlt, nicht unweit von hier. Wir m\u00fcssten sie eigentlich schon erreicht haben. Du verstehst auch nicht, warum sich der Wasseracker so weit zieht. Es kann sich nur mehr um Meter handeln. Es scheint, als k\u00f6nntest du das Ende schon sehen \u2013 wo das Gr\u00fcn etwas heller wird, die Grasfetzen lichter. Dort wo die Erde brach liegt. Das ist f\u00fcr mich aber schon \u00fcber der Grenze. Ich bin jetzt nass. Ich friere und bis nach Hause ist es \u00fcber eine Stunde Fu\u00dfmarsch. Vor uns liegt nur diese Mondlandschaft. Selbst an der M\u00fcndung wohnt niemand. Wir sind vom Nirgendwo weiter ins Nirgendwo hineingelaufen. Wie unn\u00fctz. Die N\u00e4sse verbreitet ein Gef\u00fchl auf meinem K\u00f6rper, als k\u00f6nnte ein Windhauch ihn jederzeit in St\u00fccke rei\u00dfen. Hoffentlich bleibt dieses L\u00fcftchen aus. Ich wei\u00df nicht, ob ich schreie oder weine. Doch wahrscheinlich sage ich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Ich bin au\u00dfer mir. Meine H\u00e4nde bedecken mein Gesicht, deine H\u00e4nde meinen Kopf. Durch die Finger hindurch sehe ich Risse an den W\u00e4nden. Sie ziehen sich von der Ecke \u00fcber die gesamte Wand herab. Ver\u00e4steln sich wie Bronchien in immer feinere Str\u00e4nge aus. Ich folge den Rissen mit meinen Augen. Sie sind das Einzige, was ich sehe. Ich habe vergessen, dass wir uns drau\u00dfen aufhalten. Ich habe mich vergessen und mache meiner inneren Zerm\u00fcrbtheit Platz. Mit weit aufgerissenem Brustkorb. Alles, was mich auffrisst. Das Zuviel an Magens\u00e4ure, das damit beginnt, den eigenen Magen zu zersetzen und nach und nach ein Loch in sich selbst frisst. Das alles kehrt sich nun nach au\u00dfen. Ich kann es nicht eind\u00e4mmen. Jetzt muss es erst mal ALLES raus. Die W\u00e4nde, wei\u00dfgekalkt, sind die des Bahnhofs. Die Bank, auf der ich sitze, \u00f6ffentlicher Warteraum. Ich wei\u00df nicht, ob sonst noch wer da ist. Im Sekundentakt brechen Schreie aus mir hervor. Wimmern und Japsen. Dazu zuckt mein K\u00f6rper. Ich werfe mich auf die eine und dann auf die andere Seite, egal ob ich noch auf der Wartebank lande oder nicht. Du versuchst mich festzuhalten. Mein Gesicht schneidet Grimassen. Meine H\u00e4nde halten es fest. Die Augen habe ich auf die Risse gerichtet. Ich habe dich gewarnt und ich habe gesagt, dass die Grenze \u00fcberschritten ist. Ich sage das ja nicht umsonst. Es gibt kein Halten mehr. Jetzt m\u00fcssen wir warten, bis ich mich beruhigt habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Ich sitze jetzt selbst in der Ecke, in der die Risse beginnen. Ich sehe dich, meinem Geb\u00e4rden ausgeliefert. Die Bewegungen sind \u00fcbertrieben gro\u00df. Du hast einzig die M\u00f6glichkeit, mich mit deinen Armen zu umklammern. Es ist abwechselnd mein Becken und meine Schultern, die nach au\u00dfen sto\u00dfen und sich aus der Umklammerung l\u00f6sen. Du blickst hilfesuchend um dich. Die Zeit scheint sich zwischen den kurzen Schreien und dem langgezogenen Jammern aus meinem Mund zu dehnen. Ich selbst bin nur mehr damit besch\u00e4ftigt zu Produzieren und das Geschaffene nach au\u00dfen zu tragen. Es ist kein Ma\u00df mehr in meinen Handlungen und ich bin mir dessen bewusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-ast-global-color-4-background-color has-background wp-block-paragraph\">Es beginnt in meinen Armen. M\u00fcdigkeit breitet sich in ihnen aus und l\u00e4sst sie wie leblos herabsinken. Als w\u00e4re da keine Notwendigkeit f\u00fcr die Muskeln sich weiter anzuspannen. Meine Finger l\u00f6sen ihren Griff. Meine Gesichtsmuskeln sind ersch\u00f6pft und das spastische Grinsen auf ihnen verschwindet. Meine Augen senken sich zum Steinboden hin. Ich h\u00f6re den Wind, wie er durch den Warteraum weht. Er hebt die gegen\u00fcberliegenden T\u00fcren von Bahnsteig und Ausgang leicht an und entlockt ihnen ein Quietschen. Es ist immer noch heute. Mein Gesicht liegt auf deinem Scho\u00df. Du trocknest es mit deinem Pullover. Wischst mir den Rotz von der Wange, die Spucke vom Mund. Dann beginnst du damit, mich langsam aufzuklauben. Zuerst meine Arme, dann meine Beine. Du hebst du mich hoch und legst mich auf die R\u00fcckbank eines Autos. Ich schlafe ein.Das Auto hat uns zur\u00fcck in die H\u00fctte gefahren. Als ich aufwache, liege ich in unserem Bett. Ich kann die Nacht durch die Fenster sehen. Ich muss einige Stunden geschlafen haben. Es sieht so aus, als ob du bei mir gewacht h\u00e4ttest. Doch ich glaube das t\u00e4uscht. Jedenfalls bist du da und drehst dich zu mir, als ich aufwache. Die Nachttischlampe ist an und ich sehe dein Gesicht. F\u00fcr mich ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass du dich um mich k\u00fcmmerst. Es liegt in deiner Verantwortung. Du willst Vertrauen und hier hast du es. Du willst Gehorsam und du kriegst ihn auch. Das Loch in meinem Magen schmerzt. Du k\u00fcsst mir die Stirn. Ich hasse dich so sehr.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel ist tiefblau. Soweit man sehen kann, erblickt man keine Menschenseele. Nur Landschaft. Meine Schuhe versinken im Dreck. Der Acker ist von einem Kanal umz\u00e4unt, einem Rinnsal, das weder flie\u00dft noch steht. 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