Totentanz

Video-Performance

Im Auftrag des Mesner Stüble am Liebfrauenberg

Text/Performance: Carolyn Amann / Video: Aron Kitzig / Konzept: Amann & Kitzig

Totentanz als kollektive Erfahrung

Wenn der Tod seine knöcherne Hand ausstreckt und zum letzten Tanz bittet, ein Tod, der zu allem und jeder kommt, birgt das in sich nicht nur die Mahnung der Vergänglichkeit des organischen Lebens, es eröffnet auch ein Verständnis des Todes als kollektives Moment.

In unserer Reaktualisierung des mittelalterlichen Totentanzes stützen wir uns auf das ihm innewohnende Potential, dass in seiner Klarheit und Sensationalität an nichts eingebüßt hat. Der Tod, in Wort und Bild, ist niemals ein wertender. Auch wenn er zumal manchen Ständen spöttisch daherkommt, bezieht sich seine Kritik nur auf dem Selbstverständnis der Stände in der Welt, niemals jedoch auf die Art und Weise, wie diese Rolle vom jeweiligen Menschen ausgeführt wurde. Er erscheint unaufhaltsam, als Antipode des Lebens und fordert die Sterbenden auf, sich freizumachen. Frei von der sozialen Stellung, die sie im Leben bekleidet haben, frei von Leidenschaften, Lust und Schmerz. Dennder Tod steht auf der anderen Seite, was bedeutet, dass auch alles Streben, alle Liebe, alle Angst zum Leben und zu den Lebenden gehört.

Der Tod begleitet den Übergang. Durch ihn erfahren wir nichts über ein mögliches Leben danach, kein Gericht, keine Hoffnung. Wie die Kehrseite einer Medaille, die den Blick nur auf sich selbst freigibt. Doch wir erfahren zumindest, dass der Tod für alles Leben unausweichlich ist und alles zumal Gelebte sich in ihm wiederfindet. Ein Gedanke, der etwas Beruhigendes hat. Denn auch wenn umgangssprachlich vom „Sterben allein“ gesprochen wird, im Tod ist man mit allen, die bereits gestorben sind.

So ist die Darstellung des Todes, als Gerippe, dem vielleicht das eine oder andere Mal die Haut noch in Fetzen hängt, zugleich auch die Darstellung der Toten selbst. Im Gerippe, dass dem Menschen stets innewohnt und sich nur nach dessen Tod als Ganzes zeigt, ist der Tod der bereits gestorbene Mensch. Diese Perspektive, die der Totentanz eröffnet, lässt einen Tod denken, in welchem die Lebenden von den bereits gestorbenen Menschen abgeholt und in den Tod begleitet werden. Dieses Eingehen in die Reihen der Gestorbenen, in die Toten, ist somit zugleich ein Einreihen in den Reigen, in eine kollektive Erfahrung. In der Vielheit des Todes und der Toten ist der Mensch nicht einsam, nicht allein. Doch zurück zum Tanz. Auch hier zeigt sich im Totentanz eine kollektive, als auch eine egalitäre Perspektive. Die dargestellten Tänze, ob nun als Branle, ein Reigen mit regelmäßigem Wechsel der Tanzpartner:innen, oder als Pavana, einem geschrittenen Paar-Aufzug, galten im Mittelalter als ständisch geschlossen. Indem der Tod alle hierarchischen Strukturen durchbricht und Tänzer:innen gleich welchem sozialen Stand an der Hand nimmt, wird der Tanz nicht nur Sinnbild für die Gleichheit aller im Tod, als demokratisches Moment, der Tanz bildet in der Gesamtheit auch einen Reigen, einen Kreistanz, der als vollendeter Lebenszyklus, als auch kollektives Erlebnis gelesen werden kann.

1.Prolog

Ich bin das Schicksal aller

Ein unumkehrbares Prinzip

Denn gleich was zitternd bebend

Über diese Erde fleucht

Sich windet, liebt und kreucht

Im Anfang keimt und sich entfaltet

Sich ein Leben gleich ob minder oder gut gestaltet

Findet in mir ein jähes Ende

Umfassen meine knöchernen Hände

Mit festem Griff die noch pulsierenden Arterien

Unaufhaltsam bin ich da

Ich bin und bleibe ewig

Die Toten sind in mir

Sie reih‘n sich ein in einen Reigen

Menschen aller Schichten

Pflanzen und Getier

Ausgeschieden aus dem Leben

Vereinigt uns der Tod

Entkleidet auf die Knochen

Ist da kein weltlich Kapital

kein Unterschied mehr auszumachen

Der einen von der andren trennt

Keine Armut, keine Not

So kommt der Tote die noch Lebenden zu holen

Kommt Mensch auf Mensch

und reiht sich ein

Der Tod formt dadurch eine Masse

Die unendliche ist in ihrem Werden

In ihr ist niemand mehr allein

Die Knochentrommel schlägt den Takt

So wie bei jedem Feste

Ob Frühling, Hochzeit, Erntedank

Im Tanz lässt sich im Überschwang

Ein aus der eignen Haut erfahren

Man trifft ein jeden den man kennt

Selbst wenn die Haut in Fetzen hängt

Wir sind was bleibt: das Letzte

Die Zeit zerrinnt dir durch die Finger

Wenn du mich siehst, bin ich schon da

Leg ab dein Kleid und deine Zweifel

Dein eigner Tod ist dir jetzt nah

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