Premiere: 29.05.2021 Landestheater Linz
Nominierung für den Bundesländer Nestroy 2021 (https://nestroypreis.at/show_content2.php?s2id=421 )
MATERIAL
Bérénice Hebenstreit wählte den selten gespielten Variant des „zerbrochnen Krugs“ für die Linzer Inszenierung und wünschte sich, durch ihre Beschäftigung mit Silvia Federicis „Kaliban und die Hexe“, welches die frühkapitalistische Ausganglage beschreibt, in welcher es zu einer zunehmenden Degradierung von Frauen und damit einhergehend auch zu einer Auslagerung von Leibeigenschaft in Form des Kolonialismus kommt, was eine neue Form des Proletariats bildet, einen Monolog der Eve, der ein Rauschen der nicht aufgeschriebenen Geschichte beinhaltet.
THEMATIK
Wo ansetzen? Im Variant bietet der Gerichtsrat Walter, in unserer Inszenierung eine Frau, Eve einen Sack voll Gulden an, „mit dem Antlitz des Spanierkönigs“ drauf. Diese Münze zeugt von der ökonomischen Sprengkraft, die durch Spaniens Kolonien den europäischen Kontinent überschwemmte und globalen Handel ermöglichte. So verhandelt Eve die unterschiedlichen Formen von und Ausgangslagen für Kapital, zieht dabei definitiv feministische, herrschaftskritische und antikapitalistische Grenzen und hinterfragt ihr Verhältnis zu Gerichtsrat Walter, dessen Besetzung als Frau klassistische Fragestellungen offenlegt.
AUSZUG:
Walter (Variant)
Das Geld? Warum das?
Vollwichtig neugeprägte Gulden sind’s.
Sieh her, das Antlitz hier des Spanierkönigs:
Meinst du, daß dich die Münze wird betrügen? (Variant Ende)
Eve
Verzeiht mir, gnäd’ge Frau
Dass wir uns hier nicht missversteh’n
Wie käme ich dazu
Dem scharfgeprägten Antlitz zu misstrau’n
Dem weitgereisten Kopf aus neuer Welt
Ist’s doch der Glaube daran
Dem wir Warenhandel und Verkehr,
Selbst über Meere weg, verdanken
Und der auch uns die stete Besserung verspricht
Walter
So ist es Kind, seht sie euch an
Eve
Gleichsam liegt mir nichts daran
Ich kenn’ sie wohl, die Münze
Die zwischen uns hier steht, zur Diskussion
Doch zeugt sie weniger von Menschlichkeit
Als von wahrlich ganz besonders
Kraftvoll durchgesetzter Art Geschichte
Die einen schwindlig macht und leis’
Denn unermeßlich und monströs’
Wiegt der Gulden inn’rer Preis
Dies glänzende Metall von hoher Dichte
Aus tausend Menschen Schweiß erbracht
Wo selbst die Kante der Gravuren Zeuge
Ist von jenem Geist der furchtlos Berge
Schluchten, Meere überwindet und mit
Hilfe von berechneten Programmen
Ein fremdes Land sich biegt und fruchtbar macht
Die Kraft der Presse zerschlägt hundert Häupter
Und mahlt aus ihren Knochen weißen Sand
Von Fingern ausgekratzt aus tiefen Stollen
Strahlt da das Glück in unsrer Hand
Je mehr das Bergwerk preisgibt, wird geprägt
Das Sklavenleid steht nicht in Relation
So dünkt mich, ist’s die gleiche Gier
Der Haager Krämer nach Gewürzen
Nach Profit und Dividende
Nach angestrebtem Wirtschaftsmonopol
Es liegt mir fern in Abrede zu stellen
Was für die ganze Welt Beweis genug
Ich habe nicht die Wahl ans Geld zu glauben
Noch davon abzuwenden scheint mir klug
Der Sack mit Gulden scheint betörend
Doch sein Gewicht ist mir zu schwer
Denn was als hilfreich Angebot und Gabe
Euch aus eurem Munde kommt, zerschellt als
Blanker Hohn und Spott mir an den Ohren
So bleibt’s allein des bösen Misstrau’n Strafe
Da ich des Staates Handeln hinterfrag’
Gleich welche Wahl ich treff’
Es ist zu meinem Schaden
Gott, wie verfluch ich diesen Tag
Ich strebe nicht danach, das Geld
Als lieblos Mittel, mir zu horten
Meine Leidenschaft ist ganz konkret
Mir gehts um Ruprecht, unser Leben
Und wehre ab, was zwischen uns auch steht
Als wär‘s mein eig’ner Kopf der statt der Münze
In der Presse liegt aus freien Stücken
So tiefgreifend und fatal wird die Gravur
Das Geld dem Rechte scheint zu weisen
Wen welche Pflicht denn trifft und wer auch spurt
Was soll mir ein System, wo jeder
Der Kapital hat, es sich leisten kann
Dem einberuf’nen Staatsdienst zu entsagen
Hier gilt nicht Gleichheit vor’m Gesetz
Noch Rechte allen, die ihre Pflichten tun
Hier gilt das Geld, es kauft sich Privilegien
Ihr fragt mich ehrlich noch warum?
Inszenierung Bérénice Hebenstreit
Bühne Mira König
Kostüme Karoline Bierner
Epilog Carolyn Amann
Dramaturgie Wiebke Melle
Mit Eva-Maria Aichner, Katharina Hofmann, Theresa Palfi, Gunda Schanderer; Klaus Müller-Beck, Jakob Kajetan Hofbauer, Markus Ransmayr
