Die Fischer

In Die Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. Hg: Brunner, Helwig/ Jaroschka, Markus/(…) Heft 142/2015. Graz: 2015.

Es war etwas nach September, die Luft war durch die Feuchtigkeit erstarrt. Der Wind hatte das Nass so kräftig gegen die Felsen geschmettert, dass es durch den Aufprall in feine Moleküle zersprungen war, die nun durch die Kälte schwerelos im Raum hingen und durch die Wärme meiner Haut geronnen. Das Salz bildete auf den Steinen des Hafens bereits eine Karstlandschaft, die an vereiste Wüsten erinnerte. Bei jedem Schritt knirschte es, wenn ich eine solche Kristallinwelt zerbrach. Da mein Hirn den Anblick stetig mit dem Bild von Schnee gleichsetzte, war ich darauf gefasst zu rutschen. Trotz besseren Wissens wollte die Gewohnheit nicht aus meinem Kopf und so schlich ich vorsichtig über den Kai. Der Duft von Fisch war schon so lange an diesem Ort eingesessen, man konnte ihn trotz der Kälte noch riechen. Ein griechischer Touristenort, gottverlassen, jetzt, da die Saison vorbei war. 

Es stimmt, dass die Menschen am Meer durch das Meer gezeichnet werden. Ich blicke mich um und sehe tiefe, gefurchte Gesichter, genauso rau wie das Wetter heute Vormittag. Mir und auch ihnen ist klar, dass ich der einzige Tourist hier bin. Es ist noch etwas unangenehm, den zuwider neugierigen Blicken stand zu halten, doch nichts im Vergleich zu dem Schauder, der mich überkam als ich heute mein Quartier bezog.  Ich hatte vor meiner Ankunft kein Zimmer reserviert, sondern war, nachdem ich den Busbahnhof verlassen hatte, einfach in die Stadt spaziert und hatte Ausschau nach einem geöffneten Hotel gehalten. Meine Wahl fiel auf ein Haus mit angeschlossener Ferienhausanlage, ein Feriendorf. Doch nicht, wie von mir angenommen, wurde mir ein Zimmer im Haupthaus angeboten, sondern ich wurde von einem jungen Griechen zu einem Apartment inmitten dieses nicht bewohnten Dorfes gebracht.  Er führte mich zwischen den Blöcken hindurch, die aus jeweils drei miteinander verbundenen Fertighäuschen bestanden. Sprachlos folgte ich ihm. Die reihenlangen, schlecht geweißelten Häuschen, die sich in ihrer Vielzahl zu einem immens großen Gebäudekomplex zusammenschlossen, wirkten auf mich wie ein futuristisches Straflager in einer nicht allzu fernen Zukunft. Der Pfad war höchsten einen Meter breit und an den Seiten von einem handbreiten Grasstreifen gesäumt. Außer diesem Streifen war alles betoniert. 

Die Bar, in der ich jetzt saß, war augenscheinlich der einzige Ort, an dem sich Menschen aufhielten. Auf dem Weg hierher hatte ich einige Lokale und Buden passiert, die nur zur Sommersaison geöffnet hatten und nun mit Brettern und Gittern verbarrikadiert waren. In den Gassen war mir niemand begegnet und da außer dem Wind nichts zu hören war, vernahm ich das Dröhnen aus der Bar schon von weitem. Ich kippte den roten Hauswein eilig hinunter und wartete darauf, dass seine Wirkung den Frost und das Unwohlsein überdeckte. Die Frage nach dem Grund, warum ich hier war, wagte ich mir kaum zu stellen und bei jedem Anflug eines Sinnierens darüber riss ich mich zusammen. Breitbeinig und nach hinten gelehnt, versuchte ich auf der kleinen Holzbank sicher zu wirken. Ich war trotz dessen kurz den Tränen nahe, als der Kellner die Zwei-Liter-Rotwein Bottel unaufgefordert in einem Flechtkorb vor mich auf den Tisch stellte. Er zog sich einen Stuhl heran und schenkte ein. 

Wir stießen die Gläser zusammen und tranken schweigend. Draußen war es bereits dunkel geworden und ich dachte kurz daran, dass ich den Weg zurück zum Hotel wohl nicht mehr finden würde. Es war mir gleich. Ich konnte mir ohnehin nicht vorstellen, in dieses entmenschlichte Betonquartier zurück zu kehren. Der Kellner zündete sich eine Zigarette an und nickte mir wissend zu, wobei mir unklar war, auf was er sich bezog. Ich trank noch einen weiteren Schluck und nickte ebenfalls. Über der Bar war eine Neonröhre angebracht, die kaltblau flackerte. Ihr Licht vermengte sich mit dem der Glühlampen über den Tischen. In langgezogenen Wellen verlief der Übergang vom kalten ins warme Licht durch den Raum. An der Bar stand eine Gruppe Fischer beisammen, die, ebenso eilig wie ich, Schnapsgläser leerten. Sie waren darin aber durchaus erfolgreicher, denn das gebrannte Zeugs hatte bereits ihre Glieder mit Wärme gefüllt, sodass ihre Gesichter vor Hitze glühten. Die Stimmen lärmten durch den Raum und dahinter waren im Dunst der Zigaretten Bilder von Schiffen im Sturm zu sehen. Ich unterhielt mich mit dem Kellner mit Händen und Füßen. Ich fragte ihn nach den Fischern und bald war klar, dass jeder, der kein Hotel besaß, einer war. Er gestikulierte ausladend, sodass der rote Wein aus seinem Glas schwappte. Unbeirrt wischte er sich seine Finger an der Schürze sauber. Ich sagte ihm, dass ich gern mitfahren würde, mit den Fischern hinaus aufs Meer. Er fragte mich, ob ich fische. Nein, deutete ich, bisher noch nicht.

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