Das Sichtbare und das Unsichtbare

In Emser Almanach. Nr.44 Jg.27. S. 163-168.

(Auszug)

Was heißt es, dass hier ein Galgen stand? Mein Gefühl trügt nicht. Der Galgen ist mehr, als man sich auf Kinderzeichnungen beim Wörterraten vorstellt. Dieser Galgen war aus Stein. Auf drei Pfeilern gebaut, stützt er die Macht der Regierenden. Ein früher Buchdruck, der zusammen mit einer Fahndungsliste einhergeht, bricht mein Kindheitsbild. Die Richtstätte ist pompöser und gewaltvoller als gedacht. Hier wird gerädert, gevierteilt, gehängt. Menschenteile in alle Himmelsrichtungen gesteckt und gebunden, zur Einschüchterung. Die reine Berührung dieses Ortes, so glaubt man, überträgt die Unehrlichkeit. Dabei ist alles, was heute besteht, dieser Pfeiler, der am oberen Ende eine Nische freigibt, bedeckt von einer Pyramide aus Stein.

Das Galgenstöckle ist ein Lichtstock. Keine Abbildung, sondern eine Funktion. Eine Totenleuchte. Das Licht mahnt nicht, oder erinnert an den Galgen. Es ist nicht für die Richtstatt da. Die Totenleuchte leuchtet für die Toten. Jetzt stimmt die Richtung des Gefühls. Denn dieser Steinpfeiler, aus dem, seit ich denken kann, Geranien wachsen, weist auf ein Feld von Toten.

Die Wiese liegt seitjeher frei. Der Lichtstock wird aufgrund seiner Form auf das 15. Jahrhundert datiert. Spätgotischer Stil. Er trägt keine Inschrift. Keine Spur seiner Stifter. Eine Hand am Stein, blicke ich um mich. All jene, die sich nicht durch Reue einen Platz am Friedhof zurückergattern konnten, wurden nach ihrer Hinrichtung direkt unter dem Galgen verscharrt. Als Zeichen ihrer Unehrlichkeit in ungeweihter Erde. Liegen hier Tote aus fast drei Jahrhunderten begraben? Mit abgetrennten Köpfen und zerteilten Leibern? Und warum brennt nicht mal mehr das Licht, das ihnen gedenkt?

Der Stein steht stumm. Kein Licht leuchtet in ihm. Die Wiese wird gemäht, der Weg befahren. Meine Finger streichen an der groben Oberfläche des Steins entlang, ich kann nicht umhin das in Bezug zu setzen. Was sich hier abgelagert hat, wirkt weiter. Ich glaube nicht an Seelen, die sich vom Körper lösen, um an einen anderen Ort zu ziehen. Das Trauma schreibt sich ins Sediment ein. Es gibt Orte, denen man sich Zuwenden muss. Ihr Trauma ist stets in vivo. Einzig ein Stein hier ist gestiftet, den Toten auf diesem Feld zu gedenken. Auch wenn seine Funktion sich nicht einlöst.

Galgen bleibt Galgen und der Lichtstock aus Stein. Der Name selbst hat es bereits verraten. Und doch, so meine ich, macht es einen Unterschied. Sodass es keine leer-daher-gesagten Worte bleiben, keine erzählten Figuren ohne greifbare Form. Man muss den Stein ernst nehmen, wie auch die Menschen, die damals keine anderen waren. 

Nach oben scrollen