Leinen los!

Text, Dramaturgie. Regie/Puppenspiel:Michael Pöllmann, Puppenbau: Scarlett Koffer & Primoz Mihevc. werk89 & Marionettentheater Schwandorf. Uraufführung: Dschungel Wien Februar 2022

für Kinder ab 6 Jahren

„Leinen los!“ erzählt die Geschichte zweier Kinder, die sich auf der Flucht kennen gelernt haben und nun, nachdem ihr alter Freund Milos verschwunden ist, mit seinem Boot aufs Meer hinaus segeln, um abseits von Staatsgrenzen ein neue Leben zu beginnen. Sie haben von Menschen auf dem Meer gehört, die keinem Land angehören und den Geflüchteten eine neue Heimat bieten könnten. Doch auf dem Boot sind sie nicht allein, als Inventar erscheint ein alter Kater, der sich Seebär nennt und der es versteht, geschickt Seemannsgarn zu spinnen.

Auszug:

Arik:               Was ist denn das?

                        Das ist irgendwie seltsam.

Der Seebär zwirbelt sich seinen Schnurrbart

Seebär:            Seltsam, aber durchaus interessant. 

Aus dem farbigen Nebel erscheint ein Geisterschiff – Geistersong

Tiefes Röhren – ähnlich einem alten Hirsch

Hinzu ein Beat aus Stampfen, Knarzen, metallenes Quietschen, begleitet mit dem Keuchen des gemeinsamen Arbeitens an Deck

Dunkel die Meere und dunkel die Seel

Farben verschleiern ich mach keinen hehl‘

Aus unseren blutigen Taten sodann

Die Riff-piraten greifen euch

Hannah:          Was ist das?

Seebär:            Das sind Riffpiraten. Geister-Riffpiraten.

Hannah:          Riffpiraten?

Seebär:            Ja

Das grüne im Nebel zerfrisst euch die Augen

Der Schwefel ist gelb, sein Gestank welch‘ ein Grauen

Kriecht über die Nase ins Hirn euch hinein

Die Entsetzlichen Gase

kochen euch klein

Seebär:            Diese Riffpiraten verstecken sich in den Korallenriffen. Darum die Farben. Wenn sie ein Schiff überfallen wollen, tauchen sie auf und locken die Boote durch ihre Farben an. Nur keine Angst, sobald wir Angst haben, wachsen sie. Sie nähren sich von unsrem Schrecken.

Wir wachen bei Tag, wir wachen bei Nacht

Und halten Ausschau nach gütiger Fracht

Kleinen Matrosen

Noch grün hinter’n Ohren

Jungem Gemüse

Dass schnell ist verloren

Ree
is‘ klar

Fier auf Schoten

Holts euch die Kinder – Ay, ay Kapitän

Holts euch die Kinder – Ay, ay Kapitän

Hannah:          Was machen wir nur?

Seebär:            Wir sollten wir mit ihnen sprechen!

Holts euch die Kinder

Hannah:          Ähh, sie Herr Pirat

Seebär:            Mach weitert!

Die Piraten sind immer noch in ihrem keuch-hau-ruck Rhythmus, bäumen sich auf und kommen den Kindern immer näher. 

Hannah:          Pirat, ähh, sie da in der ersten Reihe, mit den Seesterngesicht, ja, sie, mit der grünen Nebelkanone – die reagieren nicht!

Seebär:            Weiter, mach weiter

Hannah:          räuspert sich Ja, jaaa, sie sind es doch. Sie da in der ersten Reihe. Kein Zweifel. Ich habe es mir doch gleich gedacht. 

Piraten verstummen irritiert.

Hannah:          Ja, genau. Als meine Tante Trude, die keine drei Straßen von mir entfernt wohnte, völlig aufgelöst vom Wochenmarkt zurückkam, den Korb ausschließlich mit monströsen Kipferln gefüllt, und dass zu einer Zeit, in der nicht nur das Mehl, sondern auch der Hagelzucker mehr als knapp war, 

Murmeln unter den Piraten, wollen bereits wieder zu ihrem Hau-Ruck ansetzen.

Hannah:          Da waren sie es doch, genau sie! Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wär. Die Trude, keine drei Schritte von unserer Haustür entfernt, ergeht sich in herzzerreißendem Jammern, wirft die Hände zum Himmel, lässt dabei sogar den Korb mit den Riesenkipferl auf den Boden fallen, die Katzen in der Gegend stimmen mit fürchterlichem Katzenjammer mit ein. Im Handumdrehen hat sich eine Menschentraube gebildet, starren allesamt auf die jammernde Trude 

Die Piraten hören nun aufmerksam zu.

Hannah:          Kein Zweifel. Dass waren Sie!

Pirat:               Was war ich?

Hannah:          Na, der mit dem Fetzen.

Pirat:               Was für ein Fetzen.

Hannah:          Naja, so ein Putzfetzen eben, wie da hinten zum Deckschrubben. Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass der Fetzen da nur zur Zierde liegt. 

Pirat:               Nein, der ist zum Deckschrubben.

Hannah:          Sag ich ja. Und wer schrubbt bei ihnen das Deck?

Ferdl:              Das ist unterschiedlich. Manchmal ich, dann der Hugo…

Hugo:              Wir haben ein Radel, also, wir wechseln uns zyklisch ab.

Ferdl:              Damit jeder mal dran ist.

Hannah:          Dass ist gscheid. Und der Kapitän?

Ferdl:              Wie der Kapitän?

Hannah:          Schrubbt der auch hin und wieder das Deck?

Gemurmel unter den Piraten.

Hugo:              Na, wir habe da schon so eine Hierarchie an Deck. Der Kapitän schrubbt nicht.

Hannah:          Obwohl alle anderen schrubben?

Hugo:              Jo — der sagt ja auch an, wann geschrubbt wird. 

Kapitän:          Was soll denn das Geplapper?!

Hugo:              Es geht um unser Deckschrubbradel.

Kapitän:          Was für ein Deckschrubbradel? Wenn ich sage schrubben, dann schrubbt ihr und wenn ich sage, holt‘s die Kinder, dann holt ihr gefälligst die Kinder und Schluss.

Ferdl:              Das Deckschrubbradel hat sich über Jahre hinweg bewährt und hat die Stimmung in der Mannschaft durchaus verbessert.

Seebär:            flüsternd Auf drei ziehen wir leine!

Hugo:              Ich finde auch, dass das Deckschrubradel hier nicht zur Diskussion steht. Vielleicht ist es dir, Kapitän nicht aufgefallen, aber jeder hier an Bord hält sich eisern dran. 

Seebär:            Eins, zwo, drei, und los

Ferdl:              Seitdem wir es eingeführt haben, gibt’s auch keine Diskussion mehr, wer schrubben soll, jeder weiß genau wann er dran ist.

Der Seebär und die Kinder stoßen sich vom Piratenboot ab, in dem Moment springt eine Ratte ungesehen vom Riffpiratenboot aufs Boot der Kinder. Die Kinder und der Seebär greifen sich die Ruder und paddeln was das Zeug hält. Das Boot der Piraten entfernt sich.

Hugo:              Naja, und da wär es doch ganz gut, wenn du, als Kapitän des Schiffs, mit gutem Beispiel vorangehen würdest und auch mitmachst.

Kapitän:          Bei was?

Ferdl:              Beim Deckschrubbradel.

Kapitän:          Ich soll das Deck meines eigenen Schiffs schrubben?

Hugo:              Man kommt gar nicht so oft dran, wie man meinen möchte…

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